Das Abendessen der Römer – zu Tisch mit Apicius
Birnenpatina nach Apicius: Honig, Kreuzkümmel und ein Hauch Fischsauce erwecken eine antike Geschmackskombination in der modernen Küche zu neuem Leben.
Esskulturgeschichte · Italienisch · ca. 1–400 n. Chr.

Das Abendessen der Römer – zu Tisch mit Apicius

Fischsauce, Birnenpatina und Gewürzwein aus einer Küche, in der Süßes und Salziges gern zusammenkamen.

Eine festliche römische Tafel konnte nach Honig, Pfeffer und fermentiertem Fisch duften. Doch das Kochbuch, das wir Apicius nennen, ist weder ein Speiseplan für alle Römer noch das Lebenswerk eines einzelnen Gourmets. Wir folgen seinen Spuren von den Speiseliegen des Tricliniums bis in heutige schwedische Küchen – und bereiten eine Birnenpatina mit überraschender Geschmackstiefe zu.

Von Arvid HolmErnährungshistoriker · Historische Gerichte, alte Kochbücher und Essgewohnheiten im Wandel der Zeit
27. Oktober 2026 · 11 Min. Lesezeit

Mit KI-Unterstützung aus dem Schwedischen übersetzt.

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Wenn das Essen aufgetragen wird

Die Öllampen sind angezündet. Vom Hof hört man Wasser, aus der Küche ein dumpfes Schaben, während Gewürze im Mörser zermahlen werden. Eine Schale wird aufgetragen: Die Oberfläche ist golden, die Konsistenz weich, und in den Duft reifer Birnen mischen sich Pfeffer und etwas Warmes, Erdiges. Erst im Mund tritt die salzige Note hervor. Sie stammt nicht allein von Salz, sondern von einer Sauce aus Fisch.

Birnen, Eier und Honig treffen in der Birnenpatina auf Pfeffer, Kreuzkümmel und eine kleine Menge Fischsauce. Neu erstellte fotorealistische Illustration einer modernen Rekonstruktion.
Birnen, Eier und Honig treffen in der Birnenpatina auf Pfeffer, Kreuzkümmel und eine kleine Menge Fischsauce. Neu erstellte fotorealistische Illustration einer modernen Rekonstruktion.

Stellen Sie sich diese Szene in einem wohlhabenden römischen Haushalt der Kaiserzeit vor. Sie ist eine gedankliche Rekonstruktion, keine überlieferte Momentaufnahme. Die Zutaten sind hingegen in jener Rezeptsammlung belegt, die wir gewöhnlich Apicius nennen. Darin finden sich Birnen mit Kreuzkümmel, Honig, Pfeffer, Eiern und liquamen, einer römischen Fischsauce. In einer schwedischen Küche wirkt diese Kombination ungewöhnlich, doch sie folgt einer klaren geschmacklichen Logik: Eier geben der Süße der Früchte Substanz, Gewürze verleihen Wärme und Salz sorgt für Tiefe.

Im Speiseraum liegen einige Gäste, auf Kissen gestützt, zu Tisch. Andere Menschen stehen, tragen auf, schneiden vor und schenken nach. Das elegante Abendessen beruht auf Arbeit, die häufig von versklavten Menschen geleistet wird. Eine römische Festtafel ist deshalb zugleich ein Ort des Genusses und ein Abbild gesellschaftlicher Hierarchien.

Diese Doppeldeutigkeit sollten wir im Blick behalten. Zur römischen Esskultur gehören einfallsreiche Köche, lange Handelswege und ein beeindruckendes Gespür für Saucen. Zu ihr gehören aber auch große Unterschiede zwischen denen, die einen seltenen Fisch bestellen konnten, und jenen, die versuchten, mit Getreide, Hülsenfrüchten und etwas Öl auszukommen. Apicius öffnet eine Tür zur antiken Küche, aber nicht zu jedermanns Küche.

Apicius: ein berühmter Name, Rezepte aus mehreren Jahrhunderten

Marcus Gavius Apicius lebte in der frühen Kaiserzeit und wird besonders mit der Regierungszeit des Kaisers Tiberius, 14–37 n. Chr., verbunden. Antike Autoren machten seinen Namen zum Inbegriff kulinarischen Luxus und Übermaßes. Die Geschichten über seine Verschwendung sind zugleich moralische Erzählungen: Römische Schriftsteller nutzten Essen und Geld gern, um über Maßhalten, Charakter und Verfall zu sprechen.

Das bedeutet nicht, dass dieser Apicius das uns erhaltene Kochbuch schrieb. De re coquinaria, ungefähr „Über die Kochkunst“, ist eine aus verschiedenen Teilen zusammengesetzte Rezeptsammlung, die in ihrer überlieferten Form meist in die Spätantike datiert wird, etwa ins späte 4. oder frühe 5. Jahrhundert. Sie enthält älteres Material und ist uns durch mittelalterliche Abschriften überliefert. Die wichtigsten vollständigen Handschriften stammen aus dem 9. Jahrhundert.

Wir lesen also kein unberührtes Notizbuch zu einem Abendessen im Jahr 30. Wir lesen ein vielschichtiges Werk: Rezepte, Küchenwissen und redaktionelle Eingriffe aus unterschiedlichen Zeiten, bewahrt durch die Arbeit der Abschreiber. Der Name Apicius dient als Autoritätssiegel, doch die Urheberschaft lässt sich nicht auf eine einzelne Person reduzieren.

Die Sammlung ist in zehn Bücher gegliedert. Sie enthält Ratschläge zur Vorratshaltung und Konservierung sowie Rezepte für Hackfleischgerichte, Gemüse, Geflügel, vierfüßige Tiere und Fisch. Manche Rezepte sind sehr knapp: Zutaten werden aufgezählt, etwas soll zerstoßen, vermischt, gekocht oder gebunden werden. Mengen, Zeiten und Temperaturen fehlen häufig. Der Text setzt Leser voraus, die bereits kochen können.

Das ist ein wichtiger Unterschied zu heutigen Rezeptkarten. Wenn wir einen halben Teelöffel Kreuzkümmel oder eine Ofentemperatur von 160 Grad angeben, übersetzen wir nicht nur Latein. Wir treffen praktische Entscheidungen. Eine gelungene Rekonstruktion sollte deshalb sowohl erklären, was die Quelle sagt, als auch, was die moderne Küche ergänzt hat.

Apicius ist auch nicht durchweg ein Katalog maßlosen Luxus. Hier finden sich Erbsen, Linsen, Lauch und alltägliche Küchentechniken. Doch der Zugang zu Gewürzen, spezialisierten Arbeitskräften und vielfältigen Zutaten macht die Sammlung vor allem zu einem Schlüssel zur Küche gut ausgestatteter Haushalte. Sie allein kann nicht beschreiben, wie Soldaten, Landarbeiter oder arme Stadtbewohner aßen.

Für ein umfassenderes Bild braucht es andere Quellen: Knochen und Samen aus Ausgrabungen, Fischverarbeitungsanlagen, Mühlen, Brotöfen, Amphoren und Texte anderer Gattungen. Satire kann zeigen, was bei Tisch als lächerlich galt, ist aber kein neutrales Ernährungstagebuch. Eine gemalte Obstschale erzählt von Motiven und Idealen, nicht davon, wie viele Feigen jemand tatsächlich aß.

Das Triclinium – ein Speiseraum als gesellschaftliche Landkarte

Die römische Hauptmahlzeit hieß cena. Wann sie begann und wie lange sie dauerte, hing von Epoche, sozialer Stellung und Anlass ab. Bei Wohlhabenden konnte das Abendessen einen großen Teil des späteren Tages und des Abends beanspruchen. Das heißt jedoch nicht, dass alle Römer immer ausgedehnte Bankette abhielten.

Die Anordnung der Speiseliegen und die Arbeit rund um den Tisch machen die gesellschaftliche Hierarchie des Essens sichtbar; häufig wurde von versklavten Menschen serviert. Neu erstellte Illustration im Malstil einer vorgestellten römischen Mahlzeit, keines dokumentierten Abendessens.
Die Anordnung der Speiseliegen und die Arbeit rund um den Tisch machen die gesellschaftliche Hierarchie des Essens sichtbar; häufig wurde von versklavten Menschen serviert. Neu erstellte Illustration im Malstil einer vorgestellten römischen Mahlzeit, keines dokumentierten Abendessens.

Das Wort triclinium wird mit drei Speiseliegen um einen Tisch verbunden, häufig in einer U-förmigen Anordnung, bei der eine Seite zum Servieren frei blieb. Als gängiges Ideal galten drei Personen auf jeder Liege. Doch neun Gäste waren kein Naturgesetz, und sowohl die Möblierung als auch die Formen der Speiseräume veränderten sich. In der späteren Kaiserzeit gewannen halbkreisförmige Speisesofas, oft stibadia genannt, zunehmend an Bedeutung.

Wer zu Tisch lag, stützte sich gewöhnlich auf den linken Arm und hatte die rechte Hand frei. Speisen konnten vor dem Servieren zerteilt werden; Hände, Löffel und andere Hilfsmittel kamen nach Bedarf zum Einsatz. Die Vorstellung, die Antike habe entweder gar keine Tischsitten gekannt oder nahezu dieselben wie wir, geht am Wesentlichen vorbei. Es gab Regeln, nur andere.

Die Platzordnung drückte Rang und Beziehungen aus. Die Nähe zum Gastgeber, Ehrenplätze und die Reihenfolge beim Servieren konnten die Mahlzeit zu einer gesellschaftlichen Landkarte machen. Auch das Essen selbst konnte Unterschiede zwischen Menschen bei derselben Gelegenheit markieren – ein Thema, das antike Satiriker gern aufgriffen. Gastfreundschaft und Macht lagen eng beieinander.

Frauen konnten an römischen Abendessen teilnehmen und ebenfalls zu Tisch liegen, auch wenn die Normen wechselten. Kinder und Menschen von niedrigerem Rang konnten sitzen. Die Aussage „Die Römer lagen beim Essen“ ist deshalb zu pauschal. Manche Römer lagen bei manchen Mahlzeiten; andere saßen, standen oder aßen unter ganz anderen Bedingungen.

Ein festlicheres Essen konnte mit kleinen Vorspeisen, der gustatio, beginnen, über größere Gänge führen und schließlich mit Obst, Nüssen und Süßigkeiten enden. Doch Apicius ist kein zusammenhängendes Festmenü, und die Gerichte passen nicht immer in unsere Kategorien von Vorspeise, Hauptgericht und Dessert. Eine süße Birnenpatina mit Fischsauce zeigt besonders deutlich, wie heikel es ist, den Geschmack von damals nach dem Speiseplan von heute zu beurteilen.

Wer römisches Essen bildlich kennenlernen möchte, findet in den Wandmalereien der Vesuvstädte und römischen Speisemosaiken wertvolle Zeugnisse. Sie zeigen beispielsweise Früchte, Fische, Gefäße und Esssituationen. Zugleich müssen die Bilder als Kunst gelesen werden: Überfluss konnte eine Botschaft sein, und ein dekoratives Motiv muss keinen tatsächlich gedeckten Tisch wiedergeben.

Garum: die Würze des Meeres, nicht nur ein strenger Geruch

Wenn eine einzige Zutat stellvertretend für den römischen Geschmack steht, dann ist es Garum. In populären Darstellungen wird es gern auf verfaulten Fisch reduziert. Das ist ebenso irreführend wie kulinarisch uninteressant. Die Saucen entstanden durch Salzen und den kontrollierten Abbau von Fisch, wobei die fischeigenen Enzyme eine wichtige Rolle spielten. Das Ergebnis konnte eine gefilterte, salzige Flüssigkeit sein, die als Würzmittel verwendet wurde.

Eine kleine Menge Fischsauce verleiht der Birnenmasse salzige Würze und Fülle; handelsübliche Fischsauce ist ein praktischer moderner Ersatz für liquamen. Neu erstellte fotorealistische Illustration.
Eine kleine Menge Fischsauce verleiht der Birnenmasse salzige Würze und Fülle; handelsübliche Fischsauce ist ein praktischer moderner Ersatz für liquamen. Neu erstellte fotorealistische Illustration.

Die Begriffe sind komplizierter, als die moderne Bezeichnung „römische Fischsauce“ vermuten lässt. Antike Quellen verwenden unter anderem garum, liquamen, allec und muria. Die Wörter können verschiedene Produkte oder Bestandteile der Herstellung bezeichnen, ihre Bedeutungen wechseln jedoch je nach Zeit und Zusammenhang. Bei Apicius begegnet häufig liquamen. Wie genau die Begriffe voneinander abzugrenzen sind, ist eine Forschungsfrage, kein abschließend geklärtes Schema.

Fischverarbeitungsanlagen und Handelsbehälter zeigen, dass solche Produkte an mehreren Orten im römischen Herrschaftsgebiet in großem Umfang hergestellt und vertrieben wurden, unter anderem auf der Iberischen Halbinsel und in Nordafrika. Es gab Unterschiede bei Rohstoffen, Qualität und Ansehen. So wie „Wein“ nicht einen einzigen Geschmack bezeichnet, dürfte das auch für Fischsauce gegolten haben.

Im Essen wirkt die Sauce als mehr als nur Salz. Abgebaute Fischproteine sorgen für Fülle und Umami – ein modernes Wort für eine Geschmackswirkung, die antike Köche nutzen konnten, ohne sie biochemisch zu beschreiben. Eine kleine Menge kann ein Gemüsegericht runder oder eine Fruchtsauce vielschichtiger machen, ohne dass der Gast sofort an Fisch denkt.

Für Hobbyköche in Schweden ist thailändische oder vietnamesische Fischsauce aus Sardellen und Salz ein praktischer Ersatz. Sie ist nicht mit jedem römischen Produkt identisch, erfüllt aber eine ähnliche Funktion. Wählen Sie möglichst eine mit kurzer Zutatenliste. Italienische colatura di alici ist eine weitere Möglichkeit, sollte aber ebenfalls nicht als unverändertes antikes Original präsentiert werden.

Die Dosierung entscheidet. Die häufigste Falle besteht darin, Geschichte durch eine Überdosis ihrer berühmtesten Zutat besonders deutlich machen zu wollen. In einer milden Birnenpatina soll die Fischsauce dem Geschmack Halt geben, nicht mit dem Geruch einer geöffneten Flasche dominieren. Probieren Sie die Fruchtmasse, bevor die Eier hinzukommen, und verwenden Sie gewöhnliches Salz nur, wenn es wirklich nötig ist.

Selbst gemachte Fischsauce erfordert Kenntnisse über sichere Fermentation und Handhabung. Für dieses Abendessen ist ein kommerziell hergestelltes Produkt die vernünftige Wahl. Das Spannende an der Rekonstruktion liegt im Zusammenspiel der Aromen, nicht darin, auf der Küchenarbeitsplatte eine Fischverarbeitungsanlage zu improvisieren.

Patina: Birnen zwischen salzig und süß

Patina kann sowohl ein Gefäß als auch die darin zubereitete Speise bezeichnen. Bei Apicius begegnen uns Patina-Gerichte mit sehr unterschiedlichen Zutaten. Manche erinnern an Eierspeisen oder Puddings, doch das Wort entspricht weder genau unserem Omelett noch einem Gratin oder einer Tarte. Form und Zubereitung verbinden diese Gerichte stärker als eine bestimmte Hauptzutat.

Wasserbad und niedrige Ofentemperatur lassen die Eiermasse behutsam stocken – praktische Entscheidungen der modernen Interpretation, keine exakten Anweisungen aus Apicius. Neu erstellte fotorealistische Illustration.
Wasserbad und niedrige Ofentemperatur lassen die Eiermasse behutsam stocken – praktische Entscheidungen der modernen Interpretation, keine exakten Anweisungen aus Apicius. Neu erstellte fotorealistische Illustration.

Die Birnenpatina findet sich im vierten Buch der Sammlung. Darin werden Birnen gekocht und zerkleinert, dann mit Pfeffer, Kreuzkümmel, Honig, passum, liquamen und etwas Öl vermischt. Eier binden das Gericht, und auch zum Abschluss kommt Pfeffer hinzu. Die Quelle gibt also ein klares Geschmacksbild vor, auch wenn sie kein vollständiges modernes Rezept liefert.

Passum war ein süßer Wein aus getrockneten Trauben. Er ist von anderen Traubenprodukten der antiken Küche zu unterscheiden, darunter eingekochter Most. Ein moderner Passito kann in der Küche eine brauchbare Entsprechung sein, doch Rebsorten, Herstellung und endgültiger Geschmack variieren. In unserem Rezept verwenden wir weißen Traubensaft als leicht erhältliche alkoholfreie Alternative. Das ist eine bewusste Abweichung, keine Behauptung antiker Gleichwertigkeit.

Auch die Birnen beeinflussen das Ergebnis. Eine feste, unreife Birne braucht mehr Zeit und kann eine körnigere Masse ergeben. Eine sehr reife Birne wird schnell weich, kann aber reichlich Flüssigkeit abgeben. Deshalb ist die Konsistenz wichtiger als eine bestimmte Minutenzahl: Die Früchte sollen weich werden und sich zerdrücken lassen, und das Mus soll dick genug sein, um die Eiermasse nicht zu stark zu verdünnen.

Kreuzkümmel, nicht Kümmel, sorgt für die warme, erdige Note. Pfeffer bringt eine trockenere Schärfe ein. Beides rückt das Gericht aus dem üblichen Dessertspektrum. Der Honig soll den Birnengeschmack hervorheben, nicht alles in Konfekt verwandeln. Olivenöl liefert Fett und verbindet die Eindrücke, doch ein sehr bitteres Öl kann zu dominant werden.

Die antike Anleitung lässt sich nicht als genaue Gebrauchsanweisung für unseren Elektrobackofen lesen. Römische Köche konnten mit Glut, Gefäßen, Deckeln und verschiedenen Formen indirekter Hitze arbeiten. Hier verwenden wir stattdessen eine niedrige Ofentemperatur und ein Wasserbad. So lässt sich das Stocken der Eier kontrollieren, und das Risiko eines trockenen, porösen Randes um eine noch flüssige Mitte sinkt.

Das Ergebnis ist eher eine weiche Speise zum Löffeln als eine schnittfeste Tarte. Servieren Sie sie am besten lauwarm in kleinen Portionen. Bei einem modernen Abendessen kann sie ein überraschender Zwischengang oder ein wenig süßer Abschluss sein. Diese Einordnung stammt von uns; aus der Position des Rezepts im Kochbuch lässt sie sich nicht sicher ableiten.

Conditum paradoxum – Wein mit Honig, Pfeffer und Prestige

Ganz am Anfang der Apicius-Sammlung steht conditum paradoxum, ein aufwendiger Gewürzwein. Der Name wird meist ungefähr als wunderbarer oder außergewöhnlicher Gewürzwein wiedergegeben. Seine Platzierung bietet einen reizvollen Auftakt: vor dem Essen ein Getränk, das zeigt, was Vorratskammer und Können des Haushalts hergeben.

Die vereinfachte Interpretation des conditum paradoxum behält Wein, Honig, Pfeffer, Safran und Datteln bei, lässt aber mehrere Zutaten und Arbeitsschritte des Originals aus. Neu erstellte fotorealistische Illustration.
Die vereinfachte Interpretation des conditum paradoxum behält Wein, Honig, Pfeffer, Safran und Datteln bei, lässt aber mehrere Zutaten und Arbeitsschritte des Originals aus. Neu erstellte fotorealistische Illustration.

Verglichen mit vielen Speiserezepten ist dieses ungewöhnlich ausführlich. Honig und ein Teil des Weins werden erwärmt, Schaum wird behandelt, Gewürze werden hinzugefügt und die Mischung mit weiterem Wein verdünnt. Darin kommen Pfeffer, Safran, Mastix, ein aromatisches Blattgewürz sowie Datteln und geröstete Dattelkerne vor. Anschließend wird das Getränk weiterbehandelt, unter anderem durch Klärung mit Kohle.

Nicht alle Einzelheiten lassen sich ohne Weiteres auf das Sortiment eines schwedischen Geschäfts übertragen. Mastix ist ein aromatisches Harz, das noch heute in der Küche des östlichen Mittelmeerraums verwendet wird. Die lateinische Bezeichnung des Blattgewürzes bedarf der Deutung und wird in Übersetzungen beispielsweise mit Malabathrum verbunden, einer aromatischen Handelsware aus Asien. Es kommentarlos durch gewöhnlichen Lorbeer zu ersetzen, würde eine falsche Sicherheit vermitteln.

Unsere Version behält Wein, Honig, Pfeffer, Safran und Datteln bei. Mastix, das Blattgewürz, die Kerne und die Klärung mit Kohle entfallen. Das vereinfacht das Rezept und vermeidet fragwürdige Improvisationen mit Zutaten, die nicht für diesen Zweck verkauft werden. Auch die Honigmenge wird gegenüber den Mengenverhältnissen der Quelle deutlich reduziert. Das Getränk ist somit eine quellenbasierte Anpassung, keine exakte Kopie.

Mit alten Maßeinheiten müssen wir ebenso offen umgehen. Für römische Gewichts- und Volumenmaße lassen sich ungefähre moderne Entsprechungen angeben, doch die Umrechnung beantwortet keine Fragen zu den Eigenschaften des Honigs, zum Alkoholgehalt des Weins oder zur Intensität der Gewürze. Viele Nachkommastellen würden dem Rezept nur scheinbare Genauigkeit verleihen. Hier sind Abschmecken und offengelegte Entscheidungen ehrlicher.

Im griechisch-römischen Mahlzeitenkontext wurde Wein häufig mit Wasser gemischt, doch Stärke und Mischungsverhältnisse variierten. Der Gewürzwein kann deshalb in kleinen Gläsern serviert und nach Geschmack verdünnt werden. Man sollte ihn nicht ohne Einschränkung als römischen Glühwein bezeichnen: Die Gemeinsamkeit von Honig und Gewürzen besteht tatsächlich, doch weder eine moderne Weihnachtstradition noch das warme Servieren ergeben sich automatisch aus dem antiken Text.

Die alkoholfreie Version basiert auf weißem Traubensaft und Wasser, mit weniger Honig und etwas Zitrone für die Balance. Sie ist eine heutige Alternative mit derselben aromatischen Idee, kein belegtes römisches Getränk. Die alkoholhaltige Version bleibt nach dem kurzen Erwärmen alkoholhaltig; Hitze macht Wein nicht zu einer verlässlich alkoholfreien Wahl.

Ein antikes Abendessen in einer modernen Küche

Es gibt keine ungebrochene, einheitliche Tradition, in der Menschen heute genau so essen wie bei Apicius. Mehrere Zutaten und küchentechnische Ideen leben jedoch in den Küchen des Mittelmeerraums fort: Olivenöl, Wein, Hülsenfrüchte, Fischzubereitungen und die Sorgfalt im Umgang mit süß-saurer Balance. Ähnlichkeiten sind interessant, beweisen aber nicht, dass ein modernes Rezept unmittelbar von einem antiken abstammt.

Brot, Oliven, Linsen und Gemüse begleiten die Patina auf einer heutigen, römisch inspirierten Tafel – keinem belegten antiken Menü. Neu erstellte fotorealistische Illustration im Reportagestil.
Brot, Oliven, Linsen und Gemüse begleiten die Patina auf einer heutigen, römisch inspirierten Tafel – keinem belegten antiken Menü. Neu erstellte fotorealistische Illustration im Reportagestil.

Wenn wir heute römisch kochen, begegnen sich deshalb Text und Praxis. Ein Übersetzer muss entscheiden, was ein Wort bedeutet. Ein Ernährungshistoriker gleicht den Text mit anderen Funden ab. Ein Koch muss schließlich festlegen, wie viel Pfeffer tatsächlich in die Schüssel kommt. Keine dieser Aufgaben ersetzt die anderen.

Für ein Abendessen zu Hause ist es klüger, einige klare Aromen auszuwählen, als alle bekannten römischen Luxuswaren auf einer Tafel zu versammeln. Brot, Oliven, gekochte Linsen mit Kräutern und ein einfaches Gemüsegericht können die Birnenpatina begleiten. So entsteht eine römisch inspirierte Tafel, kein dokumentiertes Menü aus einem bestimmten Haus.

Bereiten Sie das Gewürzgetränk gern am Vortag zu und backen Sie die Patina kurz vor dem Servieren. Stellen Sie kleine Gläser, Wasser und eine alkoholfreie Alternative gleichberechtigt bereit. Weisen Sie auf die Fischsauce hin – sowohl wegen möglicher Allergien als auch, weil die geschmackliche Überraschung interessanter wird, wenn man sie nachvollziehen kann.

Speiseliegen brauchen Sie nicht. Das lohnendste Erbe dieser Kochkunst ist vielmehr die Aufmerksamkeit für Kombinationen: wie ein wenig Salz Früchten einen längeren Nachklang verleiht, wie Pfeffer Honig weniger schwer wirken lässt und wie eine einfache Eiermasse mehrere Geschmackswelten zugleich tragen kann. Dort, zwischen Mörser und erstem Löffel, wird der alte Text wieder zu Essen.

Rezeptkarte 1

Birnenpatina mit Honig, Kreuzkümmel und Fischsauce

Rekonstruiert nach der Birnenpatina in Apicius, Buch IV. Die Geschmackskombination stammt aus der Quelle; Mengen, Wasserbad und Ofentemperatur sind moderne Entscheidungen. Weißer Traubensaft ersetzt hier passum, den süßen Rosinenwein der Antike. Ergibt vier großzügige oder sechs kleine Portionen.

Vorbereitung 20 min Garzeit 1 h Mittel4 Portionen

Zutaten

Für die Patina
Für die Form und zum Servieren

Zubereitung

  1. 1Den Backofen auf 160 °C Ober-/Unterhitze vorheizen. Eine ofenfeste Form mit etwa 1 Liter Fassungsvermögen einfetten. Eine größere Form für das Wasserbad bereitstellen.
  2. 2Die Birnen schälen, entkernen und das Fruchtfleisch in kleine Stücke schneiden. Mit dem Traubensaft in einen Topf geben.
  3. 3Zugedeckt bei niedriger Hitze 10–15 Minuten köcheln lassen, bis die Birnen ganz weich sind. Gelegentlich umrühren. Falls die Flüssigkeit vollständig zu verkochen droht, einen Esslöffel Wasser hinzufügen.
  4. 4Die Birnen mit einem Kartoffelstampfer zerdrücken oder kurz pürieren. Ist das Mus flüssig, unter Rühren weitere 3–5 Minuten ohne Deckel köcheln lassen. Es soll ein dickes Fruchtmus entstehen, keine Suppe.
  5. 5Honig, Kreuzkümmel, Pfeffer, Fischsauce und Olivenöl unterrühren. Vor der Zugabe der Eier abschmecken: Die Birnen sollen im Vordergrund stehen, die Fischsauce soll eine dezente salzige Note geben. Etwa 10 Minuten abkühlen lassen, bis die Masse lauwarm ist.
  6. 6Die Eier leicht verquirlen, ohne viel Luft einzuarbeiten. Unter das Birnenmus rühren und die Mischung in die gefettete Form füllen.
  7. 7Die Form in die größere Form stellen. Heißes Wasser in die äußere Form gießen, bis es etwa auf halber Höhe der Patinaform steht. Im unteren Teil des Backofens 35–45 Minuten backen. Die Ränder sollen gestockt sein, die Mitte soll wie ein zusammenhängender Pudding leicht wackeln, nicht flüssig hin- und herschwappen.
  8. 8Vorsichtig aus dem Wasserbad heben und 10–15 Minuten ruhen lassen. Etwas schwarzen Pfeffer darübermahlen und lauwarm zum Löffeln servieren.
Tipps
  • Für eine Version, deren Zutaten näher an der Quelle liegen, kann der Traubensaft durch dieselbe Menge süßen Passitowein ersetzt werden. Das fertige Gericht darf dann nicht als alkoholfrei bezeichnet werden.
  • Vegetarische Variante: Die Fischsauce durch 0.5 TL helle Sojasauce ersetzen und vor der Zugabe der Eier abschmecken. Das ist ein moderner Ersatz und verändert den Geschmack etwas.
  • Reste abgedeckt im Kühlschrank aufbewahren und innerhalb von zwei Tagen essen. Die Patina schmeckt auch kühl; langes Aufwärmen kann sie körnig machen.
Rezeptkarte 2

Conditum paradoxum – römisch inspirierter Gewürzwein

Eine vereinfachte Rekonstruktion des ersten Rezepts in Apicius. Die Honigmenge ist reduziert; Mastix, das schwer zu deutende Blattgewürz, Dattelkerne und die Klärung mit Kohle entfallen. Die alkoholfreie Variante unten ist eine moderne Interpretation. Zusätzlich 4–12 Stunden Ziehzeit im Kühlschrank einplanen.

Vorbereitung 15 min Garzeit 10 min Einfach6 Portionen

Zutaten

Gewürzwein
Alkoholfreie Variante – ersetzt Wein und Honig oben

Zubereitung

  1. 1Die Weinversion oder die alkoholfreie Variante wählen. Für beide dieselben Mengen Pfeffer, Safran und Datteln verwenden. Die Pfefferkörner grob zerstoßen und die Datteln hacken.
  2. 2Für die Weinversion: 1.5 dl des Weins in einen Topf gießen und 120 g Honig hinzufügen. Für die alkoholfreie Variante: 1.5 dl des Wassers und 40 g Honig verwenden.
  3. 3Unter Rühren 3–5 Minuten vorsichtig erwärmen, bis sich der Honig aufgelöst hat. Die Mischung nicht sprudelnd kochen lassen. Bei Bedarf abschäumen.
  4. 4Pfeffer, Safran und Datteln hinzufügen. Die Mischung bei niedriger Hitze weitere 2–3 Minuten warm halten, dann den Topf vom Herd nehmen.
  5. 5Den restlichen Wein unterrühren. Für die alkoholfreie Variante stattdessen den Traubensaft und die restlichen 1 dl Wasser hinzufügen. Abkühlen lassen, abdecken und 4–12 Stunden in den Kühlschrank stellen.
  6. 6Durch ein feines Sieb abseihen. Für ein klareres Getränk anschließend durch ein sauberes, lebensmittelechtes Passiertuch filtern. Die Datteln nicht stark ausdrücken, wenn das Getränk möglichst klar bleiben soll.
  7. 7Abschmecken. Zur alkoholfreien Variante nach und nach Zitronensaft geben. Bei Bedarf im Glas mit kaltem Wasser verdünnen. Kühl in kleinen Gläsern servieren; das kurze Erwärmen entfernt den Alkohol aus der Weinversion nicht.
Tipps
  • Beim ersten Mal nach vier Stunden probieren. Die Schärfe des Pfeffers variiert; frühzeitig abseihen, wenn das Getränk bereits deutlich pfeffrig ist.
  • Abgedeckt im Kühlschrank aufbewahren und innerhalb von drei Tagen verbrauchen. Vor dem Servieren umrühren, falls sich Gewürzpartikel am Boden abgesetzt haben.
  • Keine Grillkohle oder andere improvisierte Klärmittel verwenden. Die historische Behandlung mit Kohle gehört nicht zu diesem Rezept für die heimische Küche.
Dazu trinken

Das passt ins Glas

  • AlkoholfreiVerdünnter weißer Traubensaft mit ZitroneDie Fruchtigkeit der Traube trifft auf die Birne, während Wasser und etwas Zitrone die Süße im Zaum halten. Gut gekühlt zur Patina servieren.
  • WeinLieblicher Weißwein mit frischer SäureEtwas Restsüße passt zu Honig und Birnen, die Säure lockert die weiche Fülle der Eier auf. Einen Wein ohne kräftige Holznoten wählen.
  • AlkoholfreiAlkoholfreies Conditum, leicht verdünntSafran und Pfeffer greifen die Würzung der Patina auf. Gern mit Wasser verdünnen, damit der Honig im Getränk das Essen nicht übertönt.

Alkohol bitte in Maßen genießen. Alkoholfreie Alternativen passen genauso gut zum Essen.

Quellen

  1. Christopher Grocock och Sally Grainger, Apicius: A Critical Edition with an Introduction and an English Translation (2006)
  2. Sally Grainger, Cooking Apicius: Roman Recipes for Today (2006)
  3. Barbara Flower och Elisabeth Rosenbaum, The Roman Cookery Book: A Critical Translation of The Art of Cooking by Apicius (1958)
  4. Andrew Dalby, Food in the Ancient World from A to Z (2003)
  5. Katherine M. D. Dunbabin, The Roman Banquet: Images of Conviviality (2003)
  6. Sally Grainger, The Story of Garum: Fermented Fish Sauce and Salted Fish in the Ancient World (2021)
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